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Wer ist Mnemosyne? 

Kleine lexikonbasierte Einführung:

Mnemosyne ist in der antiken griechischen Mythologie die Personifizierung der Erinnerung. Als Tochter von Gaia und Uranus gehört sie zu den Titanen. Sie verbrachte neun Nächte mit Zeus und aus jeder dieser Zusammenkünfte gebar sie eine der neun Musen (Erato, Euterpe, Kalliope, Kleio, Melpomene, Polyhymnia, Terpsichore, Thaleia und Urania). In der Theogony des Hesiod heisst es, Könige und Poeten erhielten ihre machtvollen Worte durch ihren Besitz von Mnemosyne und die besondere Beziehung zu den Musen.
Mnemosyne ist darüber hinaus der Name eines Flusses in der Unterwelt, nämlich des Gegenstückes zu Lethe, aus dem die Toten tranken, um ihr Leben zu vergessen.

Mnemosyne ist im Besitz aller Geschichten und folglich entsteht alle Geschichte (history) aus ihr. Ohne die Erinnerung, die die Worte sinnvoll macht und in ihrem Zusammenhang erhält, gibt es keine Geschichte.

Nicht nur wegen ihrer besonderen Rolle für die menschliche Erinnerung und Geschichte, sondern auch für die Geschichtsschreibung, oder genauer: das Schreiben und die Kunst (verkörpert durch die Musen), räumt man Mnemosyne seit jeher eine besondere Bedeutung ein. Literaturwissenschaftliche Magazine und Verlage tragen ihren Namen, und nicht zuletzt eine Reihe von 'Blog-Gefährten', die sich ihres Namens bedienen - mit einem Unterschied: Sie sind nicht Mnemosyne...

   

Friedrich Hölderlin: Mnemosyne

Reif sind sie, in Feuer getaucht, gekochet,
Die Frücht und auf der erde geprüft und ein Gesetz ist,
Daß alles hineingeht, Schlangen gleich,
Prophetisch, träumend auf
Den Hügeln des Himmels. Und vieles 
Wie auf den Schultern eine
Last von Scheitern ist
Zu behalten. Aber bös sind
Die Pfade. Nämlich unrecht
Wie Rosse, gehn die gefangenen
Elemente und alten
Gesetze der Erd. Und immer
Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist
Zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankendem Kahne der See.

Wie aber Liebes? Sonnenschein
Am Boden sehen wir und trockenen Staub
Und heimatlich die Schatten der Wälder und es blühet
An Dächern der Rauch, bei alter Krone
Der Türme, friedsam; gut sind nämlich,
Hat gegenredend die Seele
Ein Himmliches verwundet, die Tageszeichen.
Denn Schnee, wie Maienblumen
Das Edelmütige, wo
Es seie, bedeutend, glänzend auf
Der frünen Wiese
Der Alpen, hälftig, da, vom Kreuze redend, das
Gesetzt ist unterwegs einmal
Gestorbenen, auf hoher Straß
Ein Wandersmann geht zornig
Fern ahnend mit
Dem andern, aber was ist dies? 

Am Feigenbaum ist mein
Achilles mir gestorben,
Und Ajax liegt
An den Grotten der See,
An Bächen, benachbart dem Skamandros.
An Schläfen Sausen einst, nach
Der unbewegten Salamis steter
Gewohnheit, in der Fremd, ist groß
Ajax gestorben,
Patroklos aber in des Königes Harnisch. Und es starben
Noch andere viel. Am Kithäron aber lag
Elevtherä, der Mnemosyne Stadt. Der auch, als
Ablegte den Mantel Gott, das Abendliche nachher löste
Die Locken. Himmlische nämlich sind
Unwillig, wenn einer nicht die Seele schonend sich
Zusammengenommen, aber er muß doch; dem
Gleich fehlet die Trauer.