Oversea Notes

The Monkey

Irgendwie findet jeder im Laufe seines Lebens seine kleine persönliche Verdammnis, ein Nicht-Entkommen, oder klassisch villeicht Schicksal genannt. Diesen kleinen buntgekleideten und schellengeschmückten Affen auf der Schulter, mit dem man herumläuft ohne ihn selbst zu sehen. Warum sehen ihn nur die anderen? Warum beurteilen sie einen nach etwas, das man nicht mehr sieht, das man aufgehört hat zu beachten, an das man sich gewöhnt hat? Das Äffchen, das unsichtbar geworden ist, einem aber die Wege einflüstert, die man dann geht, ohne sie wirklich nehmen zu wollen. Oder ist das keine Frage des Willens mehr? Wenn es lang genug dort sitzt und man sich nicht mehr fragt, ob die eingeflüsterten Wege richtig sind, wenn man sich aufhört, gegen seine Kreaturen zu wehren, gegen den selbsteingepflanzten Wahnsinn? Ist das alles nur Schattenspiel, eine Marionette des Ich, die man aus Langeweile erschafft? Wann wird die Maskerade Wirklichkeit?
Die Frage nach dem Wahnsinn, den man sich selbst erschafft, eigentlich in vollem Bewusstsein, wenn man ehrlich ist; vielleicht weil es auf Dauer nicht möglich ist, unschuldig und kindlich zu bleiben. Wie sinnvoll ist es zu fragen, ob das nötig ist, um menschlich zu werden – ob es notwendig ist, ein Schicksal zu haben, dem man nicht entkommen kann und mit dem man ringt? Ist das die Sehnsucht nach einer eigenen Geschichte, die mehr ist als die bloße Aneinanderreihung von Momenten des Glücks und Unglücks, die mehr ist als Abfolge von Ereignissen, die literarisch ist? Oder überhaupt: Der Handel um eine Rolle im Drama, und sei es eine tragische Nebenfigur, selbst um den Preis der Verdammnis? Aber da ist kein Stück, das gespielt wird, und keine Pointe, keine Katastrophe und keine Erkenntnis und Katharsis. Da ist nicht die Weltbühne, auf der gespielt wird. Da ist die Anarchie von Akteuren, die lieber verdammt sein wollen als bedeutungslos und langweilig. Da ist das Chaos von Bedeutungen und Werten, die aus dem gleichen Grund verteidigt werden, um der Literarizität des eigenen Lebens (oder wenigstens um dessen Schein). Literatur als Muster, dem eigenen Leben Bedeutung zu verleihen, eine eigene Geschichte zu schreiben, um der Wiederholung zu entgehen. Aber dann doch eingeholt von der Paradoxie des Ganzen: Verdammnis ist nichts Anderes als der Zwang, zu wiederholen oder besser: sich selbst nicht zu entkommen. Nicht dem zu entkommen, was man aus sich gemacht hat – in vollem Bewusstsein, wenn man ehrlich ist. Unbewusst, wenn man konsequent sein wollte mit seinen eigenen Illusionen.

27.11.06 20:24

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