Oversea Notes

The Bubble

Eigenartigerweise, oder vielmehr natürlicherweise ist Stadt nicht gleich Stadt: Der Held hat festgestellt, dass er in einer kleinen Zeit- und Gesellschaftskapsel lebt, fernab der Welt, die darum herum tobt. Ein bisschen isoliert, aber die Grenzen sind so unscheinbar, dass es nicht auffällt. Erst, wenn man sie bereits lange überschritten hat, stellt man fest, dass da mal was gewesen sein muss, das anders war.
Um das Allgemeine wieder auf seinen spezifischen Ausgangspunkt herunterzubrechen: Der Held ist durch die Stadt gefahren, in ferne Teile, in die er eigentlich nie einen Fuß setzen würde, denn aus der Kapsel, aus der der Held gerade kommt, tut man das nicht. Dieses "was-man-nicht-tut" hat die ungemütliche Angewohnheit, auch noch dann fremd zu erscheinen, wenn man diese Fremdheit dekonstruiert und das Ganze auf den kleinsten Nenner eines gesellschaftlich akzeptierten Verhaltens herabgebrochen hat. Würde der Held Dichter sein, könnte er sich zu der gestelzten Äußerung "es haftet ihm noch immer etwas Mystisches an" hinreißen lassen. Aber so ist das natürlich nicht wahr. Man lebt ganz einfach mit den alten Mustern und Gewohnheiten zu bewerten. Man streift die Haut nicht ab, in die man geboren wurde. Ein bisschen Tuareg-Blau auf der Haut, wenn man die Kleider abzulegen versucht.
Die Grenze: Die Distanz, die man oft aus Trägheit nicht überwindet, und dann, irgendwann, aus Gewohnheit nicht mehr. (Womit gewisse stadtliche Unterschiede zwischen Georgetown, Arlington, Maryland, Eastern Market etc. natürlich nicht geleugnet werden sollen. Aber zu einer Grenze wird das Ganze erst durch den eigenen eingeschränkten Bewegungsradius. Wir selbst ziehen unsere Grenzen. Menschen ziehen ihre kollektiven Grenzen.) Die Studenten in Georgetown leben ein bisschen in einer solchen "Bubble", wobei es da auch wieder einige Abstufungen gibt: "On Campus", der innere Zirkel, der sich oft nicht die Mühe macht, 15 Minuten zum Haus des Helden zu gehen, weil so weit weg. "Walking distance", wozu der Held gehört, der jeden Morgen eben jene 15 Minuten zur Uni stiefelt und sich ab und zu einfach so rauswagt, und zu besonderen Anlässen sowieso. Immer noch ein Blasenbewohner. "Grenzländer", die am Rand von Georgetown wohnen oder gerade dort, wo man schon den Bus nehmen muss. Sie sind dem Helden die interessanteste Spezies, vielleicht auch nur deshalb, weil sie an einem Ort leben, an dem der Held es interessanter findet und wo er sich vorstellt, die meiste Freiheit zu haben. (Freiheit ist auch Abwesenheit von Trägheit.) Und dann: Diejenigen, die "draußen" wohnen, die eigentlich woanders leben und nur zur Uni kommen, wenn oder weil sie müssen, deren Leben aber allein durch die Distanz zu diesem "Zwangsort" (nicht negativ gemeint, aber man ist immer an den einen oder anderen Ort gezwungen, von Lehrern, Arbeitgebern, Familie oder eigener Neurose) schon wieder ganz anders aussieht. Weiter, zumindest aus Sicht eines "in walking distance" Wohnenden. - Nach dieser Kurzanalyse konzentrischer Wohn- und Lebenskreise die Frage: wozu? Keine Antwort, die eine logische und befriedigende Lösung wäre, aber der leise Verdacht, dass der Held sich in Zukunft aussuchen wird, in Distanz zu seinen "Zwangsorten" zu leben. Denn: Es gibt ein Leben außerhalb. Wäre der Held altmodisch und würde er klischeehafte Wendungen akzeptieren, würde er das den "Zwang, über den Tellerrand hinauszusehen" nennen. Aber der Held wohnt in der Bubble.

10.11.06 21:46

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Brenda (5.12.06 14:01)
Hey, meine schoene!

Es muss so sein. Man hat ja keine Zeit und kann nicht reisen.

Ich lese dein Blog!!!

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