Oversea Notes

Betrachtungen seiner selbst

Mühsam hat sich der Held aus dem Schlamassel der Sprachlosigkeit herausgewunden, leicht verwirrt schaut er sich noch einmal um, wie seine Wort-Gesellschaft sich heute darstellt. Der Held hat sich, wie man mit den älteren Vertretern der Gesellschaft ausdrücken würde, in Kontemplation gegeben. Nun ja, um genau zu sein, er war zu faul, die wusen Gedanken und Selbstbetrachtungen, die irgendwo doch in Worten formuliert werden, auch durch seine Finger gleiten zu lassen. Der Held hat geschwiegen, und so ist das, nach drei Tagen ohne Worte verliert man seine Sprache... Sie wird erst schlecht, dann schlimmer: gewöhnlich, und zuletzt geht sie verloren, und dann dauert es, bis sie sich langsam wieder einschleicht in das Bewusstsein.
Nun war der Held nicht untätig in seiner Kontemplation, er hat sich mit der Spaltung seiner Person abfinden müssen. Spaltung insofern, als dass er ein Handelnder geworden ist, und daneben ein Betrachter seiner selbst. Verbunden in der Unmöglichkeit, einander zu entfliehen, vollführt der eine die alltägliche Notwendigkeit des Seins und Handelns und Werdens in der Welt, er lernt und liest und spricht und lebt und trifft Menschen, während der andere die Handlungen aufmerksam beobachtet, mit der Gabe des Wissens um den nächsten Schritt, von dem der handelnde Held noch keine Ahnung hat. Der handelnde Held geht bewusstlos durch die Zeitgeschichte, wartet hier und da eine Weile, sieht sich immer wieder mal vor Entscheidungen gestellt, die er dann irgendwie fällt, und dann weitergeht. Der schauende Held denkt und erschafft damit den Kontext des handelnden Helden: Er weiß, dass sein Protagonist durch eine schwierige Phase geht, und er kann auch verstehen, dass der handelnde Held so und so fühlt und nicht weiter weiß oder dass er gerade glücklich ist. Er weiß aber auch, dass all das seine Ursprünge hat, und was daraus entstehen wird, er kennt die Figuren auf dem Spielbrett und die Wahrscheinlichkeit, mit der sie gezogen werden, und die Möglichkeit der Richtungen, in der sie ziehen. Man sollte den schauenden Helden los werden, er zerstört die Spannung des Spiels, denn er kann sich denken, was als nächstes geschehen wird, und er weiß, in ein paar Tagen wird der handelnde Held diese und jene Entscheidung aus diesen und jenen Gründen treffen und das wird in Ordnung so sein. Und dann, im Moment der Entscheidung, oder kann man das so gar nicht sagen, bemerkt der handelnde Held für einen Augenblick die Tiefe seiner Entscheidungen, und dann vergisst er wieder. Unser schauender Held schmunzelt für einen Augenblick, und widmet sich wieder seinen Betrachtungen, die im Voraus den Weg bereiten und im Nachhinein eine Spur streuen, so dass sich das Ganze dann als eine Erzählung und ein fortschreitendes Leben verkaufen lässt, mit einem Ziel und einer Zukunft und einem Weg, der vor dem handelnden Helden liegt, demjenigen, den die Welt sieht und bewerten wird... Der schauende Held weiß, wie sein Bruder in der Welt aussieht, er kennt seine Bilder und er kennt seine Wege, er kennt die Augenblicke, die richtig sind, eine Handlung zu unternehmen, und er weiß, wann es zu spät sein wird. es befremdet ihn zu beobachten, dass der handelnde Held in seinen Handlungen nicht so konsequent ist, wie er es gerne hätte, oder wie es einfach wäre, eine Geschichte zu erzählen. Nein, er muss sich die Mühe geben, die Punkte zu verbinden, die wie Felsen in der Brandung aus dem Unbewussten des handelnden Helden hervorragen, und daran ermessen, wie tief das Wasser und wie groß die Gefahr ist zu zerschellen. Aber selbst bei einem Schiffbruch, und das ist das Fatale daran, wird der handelnde Held sterben, und der schauende wird sich weiter darum bemühen, Geschichten und Kontexte darum herum zu spinnen. Das Ende ist Teil der Geschichte, und es ist nicht ihr Schluss.

27.2.07 06:03

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