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Toter Held

Der Held war tot. Nun ja, vielleicht weniger dramatisch und ein bisschen mehr dem Alltag angepasst: Der Held ist längere Zeit verschollen gewesen. Immer noch zu melodramatisch... 
Egal. Er hat sich eine gewisse Abwesenheit gegönnt, den Winter verschlafen (das bisschen "Winter", das es zu ihm geschafft hat), die Waffen in die Besenkammer gestellt und ist auf Kissen gebettet und in Decken gewickelt für eine Weile verschlummert. Seine Abwesenheit hat der Welt ganz gut getan: Sie konnte sich für einen Augenblick ausruhen, verschnaufen. Und der Held ist in Federn, Seiten, Buchstaben und Schlaf versunken.
Die Niemandzeit zwischen den Jahren, die zwar zählbare Tage aufweist, mit der aber ansonsten nicht sonderlich viel anzufangen ist, hat er einfach aus seinem Leben gestrichen. Sicherlich werden Biographen und Geschichtsschreiber das irgendwann zu konstruieren versuchen udn sich fürchterlich aufregen: Da war doch was, wir haben doch Nummern für die Tage und man kann ja nicht zwischendurch tot sein, also irgendwas muss der Held da ja schon gemacht haben. Es kann ja nciht sein, dass ein Mensch wochenlang nichts tut, sich nciht mal um seinen Nachruhm kümmert oder mit den wichitgen Persönlichkeiten seiner Zeit Briefe wechselt. Kann doch nicht sein, dass es blanke Lücken gibt, nicht in unserem verdichteten Zeitalter. Kann doch nicht sein, dass einfach ein paar Tage aus dem Kalender verschwinden... Aber: Nein, da gibt es nichts. Da gibt es das Ende des Jahres und den Anfang des Jahres und die Zeit dazwischen gehört ihm allein (schon wieder zuviel Pessoa) und er verbringt sie nicht, er lässt sie verstreichen. Wie dem auch sei, das Mysterium des verschollenen Helden lässt sich sowieso nicht lösen, allenfalls von einem gekonnten Dichter, der sich etwas zusammenphantasiert, was ja auch nicht schlecht ist, mit Sicherheit sagen lässt sich nur: Die Kissen verödet, die Bücher zerlesen, die Besenkammer geräumt, das Zimmer wieder kalt... Der Held steht draußen vor der Tür, saugt die Welt mit jedem Atemzug wieder gierig ein, macht sich ans Waffenschleifen und Harnischputzen, denn in ein paar Tagen ist die Winterpause vorbei, und wenn der Boden weider aufgetaut ist, kann wieder Blut versickern, und die Kämpfe beginnen wieder.
Dann geht der Held, gestärkt von der Vision eines großartigen Todes wieder ins Haus, holt sich seine Tiefkühlpizza und schaltet den fernseher ein. So ist das Heldendasein nun mal, aber wenn das die Historiker und Poeten wüssten....

7.1.07 04:05, kommentieren

Die Begrenztheit der Worte

Worte im Grunde das Einzige, was der Held versteht. Worte, und die Körper, zu denen sie gehören, die Menschen und Stimmen, die Papiere und Bücher, die Köpfe, in denen sie gedacht werden, die Räume, in denen sie schallen und die Zeit, die sie benötigen, um zu sein. Der Held versteht sonst nichts von der Welt. Der Held versteht keine Zahlen, keine Bilder - Mathematik hat keine Bedeutung für ihn, weil er sie nicht versteht, wie eine fremde Sprache. Der Held versteht: Begrenzt in jeder Hinsicht ist das Reportoire, mit dem er die Welt erfassen kann: Die Anzahl der Worte, die ihm zur Verfügung stehen, die Anzahl der Worte, die er lesen wird in seinem Leben, die Anzahl der Worte, die er schreiben wird. Wenn er das letzte Wort wüsste, das er niederschreiben wird... Er würde es nicht vermeiden, um alles hinauszuzögern, er würde es wieder und wieder schreiben, um zu testen, wie oft er das Schicksal herausfordern kann, bis dieses ihn gelangweilt überzeugt, besser abzutreten.
Wie dem aus sei, aufgefallen jedenfalls: Trotz der Begrenztheit der Worte, anders als die der Zahlen, wo es ins plus, ins minus, ins nahe null und überall dazwischen ins Unendliche geht, findet sich doch eine erstaunliche Unendlichkeit in der Zusammensetzung der Worte, im Nebeneinanderstellen verschiedener Bedeutungen. Kreativität könnte man das nennen, und das ist die Gefahr und die Chance dessen, wenn die Mathemtik eine Grammatik bekommt: Programme.
Aber davon noch nichts... Noch sind wir im heroischen Zeitalter, haben gerade die Epoche unartikulierter Grunz- und Klicklaute überwunden, schwingen noch Waffen und sind weit von dem Schwachsinn, den die Zukunft sich ausdenkt, um irgendwann sagen zu können "schau mal damals, wie vormodern die waren", entfernt. Glückliche Nichtvollendung, Nichtvollendbarkeit.
Letztes Wort, letztes Wort, letztes Wort, letztes Wort... na sieh mal, der Held ist noch immer nicht hinüber... Da gibt es dann wieder was zu rekonstruieren, wenns denn so wäre - Futter für die Nachbardisziplinen der Sprache: Geschichte und Dichtung. Geschichte ist schon eher ein bisschen wie Mathematik. Allerdings werden die blanken Leerstellen nicht von weiteren Tagen und Daten gefüllt, sondern von Phantasie... Die Zeit zwischen den Jahren beispielsweise, die der Held verschollen galt. Insofern ist Geschichte, mal kreativ betrachtet, das erste Programm der Welt. Linearität zählbarer Einheiten (Tage, ganze Zahlen, alles eins), gespickt mit dem Dazwischen, das eine Grammtik braucht, um zu funktionieren.
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(denkpause)
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Dem Helden ist es lieber, "funktionieren" hier nicht als letztes Wort stehen zu lassen. Nur für alle Fälle ein neues... Was sollte das sein... Was wäre das wichtigste Wort, zumindest das den herausgehobenen Platz des letzten Wortes haben sollte? Auch auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen: Der Rest ist Schweigen.

7.1.07 07:49, kommentieren