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Sprechen lernen

Nachdem in Frankreich, Charles de Gaulle, die amerikanischen Sicherheitsbehörden ihrer Terrorismus-Bekämpfungsideologie alle Ehre gemacht haben und den Helden drei Stunden in der Schlange für die Sicherheitskontrollen und eine Stunde im Flugzeug haben warten lassen, ist er endlich über dem Ozean und Kanada.
Langsam beginnt er im Geiste anzukommen, oder vielmehr etwas hinter sich zu lassen, das ist ein eigenartiges Gefühl, es hat ein bisschen gelähmt am Anfang.
Er muss sich daran gewöhnen, nicht mehr deutsch zu sprechen, das ist wohl das Eigenartigste von allem. Nicht weil Englisch schwierig wäre oder nicht so angenehm zu sprechen, aber Sprache ist eben doch ein Stück Identität. Er hat angefangen, im Kopf zu sortieren, was er von sich mitnehmen kann und was er zurücklassen wird. Wer ist er hier? Er wird mehr reden müssen, kommunikativ sein, sozusagen, um sich irgendwann den Luxus erlauben zu können zu schweigen.
Er sieht das Land unter sich und es sieht aus wie alles Land, über das er hinweggeflogen ist. Die Ähnlichkeit und der Unterschied, Identität und Fremdsein. Das wird seine erste Herausforderung sein: zu lernen, mit beidem umzugehen. Sprechen lernen.

1 Kommentar 13.8.06 12:50, kommentieren

Ein bisschen angekommen

Das Flugzeug ist in Washington gelandet, endlich. Oder schon... Nicht so sicher. So etwas wie angekommen. Kaum vorstellbar, dass hier für ein Jahr zu leben. Andereseits, gerade auch kaum etwas Anderes vorstellbar. Schließlich ist unser Held hier, weil er hier sein will, weil er sich entschieden hat.

13.8.06 19:24, kommentieren

Am Weißen Haus

Der Held hat so was wie Geburtstag. Zumidnest wird er zählbar älter, und da man diesem Schnickschnack weithin etwas Bedeutung beimisst, versucht sich der Held diesem Brauch anzupassen und lässt sich tapfer gratulieren. da er nirgenwo wohnt und nicht viele Möglichkeiten zum Feiern hat, untersucht er ganz pragmatisch die Stadt auf ihre interessanten Seiten. Da er aber keinerlei Ahnung hat, wie das funktionieren soll, findet er sich bald in guter Gesellschaft mit einem Haufen Touristen, die ebenfalls Sightseeing-Tour auf der National Mall machen. Nun denn, das wäre dann zumindest erledigt.
Am Abend macht sich der Held sozial und geht mit einigen neuen Bekannten und wahrschienlich baldigen Freunden etwas trinken. Schließlich ist er über 21 Jahre alt und hat somit hier sogar so was wie Rechte... Angeblich.

18.8.06 23:27, kommentieren

Reggae Festival

Der Held hat sich mit Leuten bekannt gemacht, die ihn heute zu einem Festival etwas außerhalb von Washinton mitgenommen haben. Es wurde Reaggae Open Air gespielt, ein paar Stunden lang, und der Held sitzt ganz unheldisch auf der grünen Wiese und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Er kann etwas entspannen und die Notwendigkeiten, die er in seinem Leben zu erledigen hat, unbeachtet lassen. Die Band, wegen der er mit seinen Freunden das Festival besuchte, heißt Ozomatli. Aber er kannte sie nicht.

1 Kommentar 26.8.06 22:57, kommentieren

Halb angekommen, gut aufgenommen

Der Held hat sich in Amerika eingefunden. Er hat Bankkonto, Versicherung, Email-Adresse der Uni, Immunisierung-Kram, Studentenausweis etc. bekommen und wird morgen seine Social Security Number beantragen, dann kann er sich als vollständig in das amerikanische Verwaltungssystem integriert bezeichnen. Nette Aussicht. Oh, fast hätte er die Beschienigung für die Steuerbefreiung vergessen... Er ist erschöpft von der Stadt, dem vielen Hin- und Herrennen von Pontius zu Pilatus, und dem mit-leeren-Händen-und-neuen-Adressen-Zurückkommen, das ihn nicht voranbringt. Er hat lange nicht geschrieben, denn die Hände sind müde. Keine Wohnung, nur einen kleinen Schlafplatz auf einer Couch weiter draußen, aber immerhin, ein Ort, an den er gehen kann. (Eigenartig, diese Beziehung, die Menschen zu Orten aufbauen.)
Der Held wohnt bei einer guten Freundin, die ihn sofort aufgenommen hat. Von hier aus muss er in alelr Stille seine Welteroberungspläne ausarbeiten. Zunächst muss er sich einen Stadtplan besorgen, morgen werden neue mögliche Zimmer besichtigt und die wollen erst einmal gefunden werden. Die Freundin ist mit dem Helden auf eine Party gegangen, in Vienna. Wien. So kommt man auch in der Welt herum. In dem man nahen Orten fernen Namen gibt und sie mit der Absicht der Erfahrungserweiterung besucht.
Zum Glück gibt rs in der Universität einen Raum mit einer Kaffeemaschine, die der Held nach Herzenslust bedienen darf. Genauer gesagt: die den Helden bedient. Denn er ist müde und erschöpft und will eigentlich keinen Fuß mehr vor den anderen setzen. Nur zu gut, dass er ein Held ist und die Welt viel von ihm erwartet - und er von sich, schließlich will er seinen Ruf und Status nicht verlieren - und ihn deshalb zwingt, jeden Tag weiterzumachen. Was sollte er auch anderes tun? Sich von dem Drachen fressen lassen?

27.8.06 12:07, kommentieren